Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Lorenz von Stein

Der am 15. November 1815 in Borby bei Eckernförde geborene Lorenz von Stein darf, gemessen an der Fortdauer seines Wirkens, zu den bedeutendsten Schleswig-Holsteinern des 19. Jahrhunderts gezählt werden.

Früher als die meisten seiner Zeitgenossen erkannte er die sozialen Folgen der in seiner Jugend beginnenden Industrialisierung und richtete sein wissenschaftliches Lebenswerk - ähnlich wie sein nahezu gleichaltriger Zeitgenosse Karl Marx - auf eine gesellschaftliche Ordnung aus, die den durch die industrielle Revolution verursachten Veränderungen entsprechen würde. Stein erkannte bald, dass sich die Angehörigen der wohlsituierten Gesellschaftsschichten dieser Aufgabe versagten und die um sich greifende Not des "vierten Standes", der Arbeiter, nicht zu überwinden vermochten.

Deshalb musste nach Steins Erkenntnis der Staat die Aufgabe einer Vorsorge für das Dasein seiner Menschenübernehmen, ohne dadurch ihre Eigeninitiative zur Selbsthilfe einzuschränken. Vorsorge bedeutet die vielfältige und vielseitige Bereitstellung von Mitteln und Möglichkeiten für den Einzelnen, seine Lebensverhältnisse selbständig gestalten zu können. Das schließt jedoch nicht Hilfeleistungen für diejenigen aus, die aus der Not solcher Unterstützung bedürfen. In diesem Sinn einer freiheitlichen und sozialen Grundordnung haben Steins Vorstellungen später bis zur Verfassung der Bundesrepublik Deutschland weitergewirkt, die sich gemäß Art. 28 Abs. 1 ihres Grundgesetztes als sozialer und demokratischer Rechtsstaat darstellt.

Lorenz von Steins wichtigste Veröffentlichungen in chronologischer Reihenfolge

1841: Die Geschichte des dänischen Civilprozesses und das heutige Verfahren. Als Beitrag zu einer vergleichenden Rechtswissenschaft

1842: Der Socialismus und Communismus des heutigen Frankreich. Ein Beitrag zur Zeitgeschichte

1846: Geschichte des französischen Strafrechts und des Prozesses, 3. Band der Französischen Staats- und Rechtsgeschichte von L. A. Warnkönig u. L. Stein

1848: La question du Schleswig-Holstein

1850: Die Geschichte der socialen Bewegung in Frankreich von 1789 bis auf unsere Tage (3 Bände)

1851: Die Frau, ihre Bildung und Lebensaufgabe

1852 - 1856: System der Staatswissenschaft (Band 1 und 2)

1858: Lehrbuch der Volkswirtschaft = Die Volkswirtschaftslehre (2. Aufl. 1858)

1859: Lehre von der vollziehenden Gewalt

1860: Lehrbuch der Finanzwissenschaft

1865 - 1868: Die Verwaltungslehre (7 Bände)

1870: Handbuch der Verwaltungslehre und des Verwaltungsrechts

1873: Gedichtband "Alpenrosen"

1874: Die Frau auf dem Gebiete der Nationalökonomie

1876: Gegenwart und Zukunft der Rechts- und Staatswissenschaft Deutschlands

1880: Die Frau auf dem socialen Gebiet

1889/98: Vorlesungen, hrsg. in Tokio

Neuere Arbeiten über Lorenz von Stein

W. Schmidt, Lorenz von Stein. Ein Beitrag zur Biographie, zur Geschichte Schleswig-Holsteins und zur Geistesgeschichte des 19. Jahrhunderts, in: Jahrbuch der Heimatgemeinschaft des Kreises Eckernförde, 14. Jg., Eckernförde 1956, S. 7-175 .

E. Angermann, Zwei Typen des Ausgleichs gesellschaftlicher Interessen durch die Staatsgewalt. Ein Vergleich der Lehren Lorenz von Steins und Robert Mohls, in: W. Cowre (Hrsg.), Staat und Gesellschaft im deutschen Vormärz 1815-1848, Stuttgart 1962, S. 173-205.

E. W. Böckenförde, Lorenz von Stein als Theoretiker der Bewegung von Staat und Gesellschaft zum Sozialstaat, in: Alteuropa und die moderne Gesellschaft. Brunner, Festschrift für Otto, Historischen Seminar der Universität Hamburg (Hrsg.), Göttingen 1963, S. 248 ff.

A. Boockmann, Lorenz von Stein (1815-1890), Nachlaß, Bibliothek, Biographie, Kiel 1980.

F. De Sanctis, Crisi e scienza. Lorenz Stein, alle origini della scienze sociale, Neapel 1974.

D. Blasius/E. Pankole, Lorenz von Stein. Geschichts- und gesellschaftswissenschaftliche Perspektiven, Darmstadt 1977.

R. Schnur (Hrsg.), Staat und Gesellschaft. Studien über Lorenz von Stein, Berlin 1978 (mit 24 Beiträgen und einer Bibliographie der Werke Lorenz von Steins u. der Sekundärliteratur).

H. Taschke, Lorenz von Steins nachgelassene staatsrechtliche und rechsphilosophische Vorlesungsmanuskripte. Zugleich ein Beitrag zu seiner Biographie und zu seinem Persönlichkeitsbegriff, Heidelberg 1985 (Schriftenreihe des Lorenz-von-Stein-Instituts Bd. 5).

S. Koslowski, Die Geburt des Sozialstaats aus dem Geist des Deutschen Idealismus. Person und Gemeinschaft bei Lorenz von Stein, Winheim 1989.

K. Oßke/A. Ibrahim, Karl Marx und Lorenz von Stein - ein theoriegeschichtlicher Vergleich, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, 1990, S. 1059-1068.

K. Ibrahim, Gesellschafts- und Geschichtstheorie Lorenz von Steins. Herausbildung, Formierung und Wandel seiner Ansichten zwischen 1839 und 1856, Kiel 1993 (Quellen zur Verwaltungsgeschichte Bd. 8, hrsg. v. Vorstand des Lorenz-von-Stein-Instituts)

Lorenz von Stein - Ein Profil

Lorenz von Stein wurde am 15. 11. 1815 in Eckernförde geboren und mit dem Namen Wasmer Jacob Lorentz in das Taufregister eingetragen, ohne dass dabei Vor- und Familiennamen klar zum Ausdruck gebracht worden wären. Seine Mutter war die Witwe Anna Elisabeth Stein, geb. Helms, sein Vater der Oberstleutnant Lorenz Jacob von Wasmer. Seit 1821 wurde der junge Lorenz Jacob Stein, wie er jetzt genannt wurde, im Christians- Pflegeheim zu Eckernförde erzogen, das ursprünglich Invalidenheim und Militärwaisenhaus war, aber sich seit 1820 zu einer pädagogischen Musterschule des Landes entwickelte. Durch ein Stipendium König Friedrichs VI. war es Stein möglich, die Lateinschule in Flensburg zu besuchen. Seit 1835 studierte er in Kiel Jura. Zwei Nachschriften der Vorlesungen von Falck und Burchardi sind im Nachlass Lorenz von Steins enthalten. Im Jahre 1837 ging Stein nach Jena, war aber 1838 wieder in Kiel und legte im Frühjahr 1839 seine juristischen Prüfungen ab. Ein Volontariatsjahr bei der Schleswig-Holstein-Lauenburgischen Kanzlei in Kopenhagen folgte, doch ist Stein entschlossen, die akademische Laufbahn einzuschlagen und bittet deshalb um Entlassung aus dem Staatsdienst. Nach der Promotion im Frühjahr 1840 ermöglichte ihm ein vom König bewilligtes Reisestipendium zunächst den Aufenthalt in Berlin, dann in Paris. In den Jahren 1841 / 42 sammelte er dort das Material für sein erstes Buch "Der Sozialismus und Kommunismus des heutigen Frankreichs", das ihn bald bekannt machte. Seit 1843 hielt Stein an der juristischen Fakultät in Kiel Vorlesungen, jedoch erst 1846 erhielt er eine außerordentliche Professur, mit der ein Gehalt verbunden war. In den vorhergehenden Jahren hatte er sich von den geringfügigen Hörergebühren und den Honoraren aus seiner publizistischen Tätigkeit erhalten müssen.
Seit dem Aufenthalt in Frankreich war Steins Interesse für Politik geweckt; sein Anteil am politischen Schicksal seines Geburtslandes in den Jahren 1846-1852 ist in der Biographie von Werner Schmidt genauestens dargestellt. Die von Stein als bemerkenswert und nachlasswürdig angesehenen Zeugnisse aus dieser Zeit hat er sorgfältig aufbewahrt und z.T. nachträglich beschriftet.

Am 11.6.1852 wurde Stein wegen seiner politischen Tätigkeit in den zurückliegenden Jahren von der dänischen Regierung aus dem Staatsdienst entlassen. Seine durch publizistische Regsamkeit weitläufigen Verbindungen zu einflussreichen Männern in allen Teilen Deutschlands weckten in ihm mehrfach Hoffnung auf eine Anstellung an einer deutschen Universität. Die Möglichkeit, daß indirekte preußische Intervention diese Hoffnungen stets zunichte machte, ist nicht von der Hand zu weisen.

Nachdem Lorenz Stein am 22.3.1855 durch Kaiser Franz Joseph zum ordentlichen Professor ernannt worden war, nahm er im Sommersemester 1855 seine Vorlesungen an der Wiener Universität auf. Die Familie, Frau Dora Stein, geb. Steger, und der am 31.7.1848 geborene Sohn Alwyn, vielleicht auch eine nachgeborene Tochter, siedelte wahrscheinlich noch im gleichen Jahr von Kiel nach Wien über. Man bezog eine Wohnung im "Mölkerhof" in der Schottengasse 3, 2. Stock.

Unter dem Eindruck handels- und strukturpolitischer Ideen des oben schon genannten Finanzministers Karl Ludwig von Bruck erwarb Stein 1856 eine Termalquelle bei Cilli in der Steiermark (heute Jugoslawische Volksrepublik), die er Kaiser-Franz-Josef-Bad, oder wegen des nahegelegenen Ortes Markt Tüffer, auch Bad Tüffer nannte. Um den Ankauf der Quelle und der zugehörigen Grundstücke zu ermöglichen, wurde der Vermögensanteil der Ehefrau aus dem Familienvermögen der Kieler Kaufmannsfamilie Steger abgelöst; aber noch bis 1875 dauerten die Geschäftsverbindungen Lorenz von Steins mit der Firma Steger & Roeck in Hamburg, von der Stein durch seinen Schwager Adalbert Steger seit 1850 Gelder aus Aktienanteilen bezogen hatte.

Der Ausbau des allmählich bekannter werdenden Bades ist in Baurechnungen und Kostenvoranschlägen zu verfolgen. Seit 1857 verbrachte die Familie zumeist den Sommer in Bad Tüffer und zog viele in der Hauptstadt gemachte Bekanntschaften zu Besuchen des Bades an.

Nach 1857 ist offenbar die einzige, nicht mit Namen genannte Tochter Lorenz Steins gestorben. Am 23.6.1858 wurde der Sohn Ernst Ludwig und am 16.1. 1860 der Sohn Hermann Hugo in Wien geboren.

Die Lehrtätigkeit und die Reihe bedeutender Werke, die Stein zwischen 1860 und 1880 schrieb, sind in den angegebenen Biographien gewürdigt worden und wurden schon zu Lebzeiten Steins Gegenstand wissenschaftlicher Darstellung. Nicht ganz so bekannt ist Steins ungebrochenes Interesse an publizistischer Wirkung. Seine Artikel zur politischen Lage, die er in der "Augsburger Allgemeinen Zeitung" schrieb, sind weitgehend identifiziert. Seit 1862 gab Stein im Auftrage des Handelsministeriums das Wochenblatt "Centralblatt für Eisenbahnen und Dampfschifffahrt der Österreich-Ungarischen Monarchie" heraus, seit 1863 kam dazu die Zeitschrift "Austria. Wochenschrift für Volkswirtschaft und Statistik". Dass mit der Herausgabe von Zeitschriften auch ein finanzieller Gewinn verbunden war, zeigen die Rechnungen in Verbindung mit dem "Centralblatt" und der Haushaltsplan Steins von 1884/85, in dem die Einnahmen aus der Zeitschrift eine besondere Rolle spielen.

Lorenz von Stein, der "so gut als vermögenslos" nach Wien gekommen war, konnte aus schriftstellerischer und "praktischer" Tätigkeit bald mit einem Jahreseinkommen rechnen, "das sich auf 10000, dann auf 16000 und in den letzten Jahren (vor 1879) auf 30000 Gulden erhob". "Dankerfüllt gegen seine neue Heimath.." und "der Zukunft Österreichs und der eigenen Kraft vertrauend.." gründete er mit einem kleineren, aus Juristen und Geschäftsleuten bestehenden Kreis eine Aktiengesellschaft, deren Kapital auf einem Torfmoor bei Salzburg und seiner Auswertung zum Betrieb einer Glashütte ruhte. Daneben traten andere kleinere und größere Unternehmungen.

Dennoch konnten die Anerkennung der wissenschaftlichen Leistung über das deutsche Sprachgebiet hinaus, wachsender Wohlstand, gesellschaftliche Anerkennung und schließlich die 1868 erfolgte Erhebung in den erblichen Ritterstand den rastlos schreibenden und Einfluss suchenden Lorenz von Stein nicht ganz befriedigen. 1869 fragt er inoffiziell bei Rudolf von Gneist in Berlin an, ob für ihn Aussicht bestehe, auf den vakanten Berliner Lehrstuhl für Nationalökonomie berufen zu werden. Lorenz von Stein war jedoch in Berlin immer noch persona ingrata.

In den folgenden Jahren wuchs die Zahl der Ehrungen, Orden, Mitgliedschaften und das Maß der internationalen Anerkennung stetig. Der von allen Seiten Geehrte blieb jedoch von persönlichem Unglück nicht verschont. 1877 starb die Ehefrau. 1879 traf ihn der Zusammenbruch seiner wirtschaftlichen Unternehmungen. Der Grund für den Konkurs der Torfmoor-Aktiengesellschaft und den totalen finanziellen Ruin ist in dem Rechtfertigungsschreiben seines Rechtsanwalts, das jedoch mit großer Sicherheit von Stein selber verfasst wurde, dargelegt. Wieweit der Inhalt dieses offenbar gerichtlich verlesenen Schriftstückes den Tatsachen entsprach, ist auch an Hand der Aktenstücke nicht mehr genau nachzuprüfen. Nur das als Vermögensanteil der Ehefrau vor dem Zugriff der Gläubiger geschützte Erbteil der Söhne sicherte dem alternden Lorenz von Stein einen ruhigen Lebensabend im Hause seines Sohnes Ernst.

1879 war Stein mit den beiden jüngeren Söhnen aus der gepfändeten Wohnung in der Kolingasse 10, 2. Stock, ausgezogen und wohnte seither im Hause seines Sohnes in Weidlingau, Märzbachgasse 16. Bis 1887 wurde dazu noch eine kleine Stadtwohnung in der Maria-Theresien-Straße 9 unterhalten. 1884 heiratete Lorenz von Stein die langjährige Haushälterin der Familie, Therese Ruhland.

Auch zwei der Söhne scheinen die Erwartungen des Vaters enttäuscht zu haben. Der älteste Sohn Alwyn konnte von seinem Beruf als Kunstmaler nicht leben und musste offenbar laufend unterstützt werden. Zuletzt lebte und arbeitete er im Gartenhaus des Weidlingauer Anwesens. Der jüngste Sohn Hugo, der zunächst Verwalter des ehemalig Stein'schen Bades Tüffer war, ist auf Grund von unvernünftigen wirtschaftlichen Unternehmungen vom Vater offenbar verstoßen worden. Von ihm ist in späteren Jahren nie mehr die Rede, nur der Bruder Ernst trifft sich heimlich mit ihm. Erst von Stein arbeitete bis zum Tode des Vaters eng mit diesem zusammen, einerseits in der Herausgabe der Eisenbahnzeitschrift, andererseits bei der Verwaltung des restlichen gemeinsamen Aktienbesitzes an einem Kohlevorhaben.

Die Verbindung Steins zu Japan und sein Anteil an der japanischen Verfassungsreform von 1889 sind - was den Nachlass angeht - noch nicht genügend erforscht. Auch hier vertrat ihn der Sohn Ernst auf seiner Japanreise 1887 / 88.

Die Ehrungen und die öffentliche Aufmerksamkeit anlässlich des 70. Geburtstages der Emeritierung und des 50jährigen Doktorjubiläums am 20.5.1890 konnten die Bitterkeit des gealterten Lorenz von Stein, die sich nur in den Briefen an den Sohn äußert, sondern auch in seiner Photographie spiegelt, nicht mildern.

Sucht man sich der Persönlichkeit Lorenz von Steins über den Nachlass zu nähern, so erfährt man einiges über die Arbeitsmethode oder einzelne charakteristische Züge, wie äußerste Sparsamkeit und, damit verbunden, persönliche Anspruchslosigkeit auch zu den Zeiten, als die Repräsentation nach außen gutsituierte Bürgerlichkeit erforderte. Und nie ermüdete das Interesse an Politik und volkswirtschaftlichen Fragen: charakteristisch ist, dass der 74jährige, als er im Januar 1890 an der grassierenden Influenza erkrankte, deren Nachwirkungen zu seinem Tode führten, die Zeitungsmeldungen über den Gang der Krankheit durch Europa sammelte.

(Aus: Andrea Boockmann, Lorenz von Stein 1815-1890 - Nachlass, Bibliothek, Biographie, Kiel 1980)